Zurück zum Glossar
    Leistung & Arbeitsweise
    Genügend (Note 2)

    „wir haben ihn als ... kennengelernt"

    Distanzierung – die genannten Eigenschaften treffen nur aus subjektiver Sicht zu.

    Die Formulierung gehört im Schweizer Arbeitszeugnis zum Abschnitt Arbeitsweise und Arbeitserfolg. Wie sie sich zu den übrigen Codes verhält, zeigt das Glossar der Zeugnissprache; wie ein sauber aufgebautes Dokument aussieht, sehen Sie in der vorlage arbeitszeugnis. Eng verwandt sind „war stets bemüht", „Beredtes Schweigen (Auslassungen)", „im Grossen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit" und „im Rahmen seiner Möglichkeiten".

    Klartext-Bedeutung

    «Wir haben ihn kennengelernt als …» ist eine subtile Abwertungs­formel. Der Arbeitgeber distanziert sich damit von der Aussage – statt eine objektive Eigenschaft zuzuschreiben, wird nur der Eindruck beschrieben. Die genannten Eigenschaften gelten dann implizit nicht oder nur sehr eingeschränkt.

    Beispielsatz im Zeugnis

    „Wir haben Herrn Beispiel als pünktlichen und freundlichen Mitarbeitenden kennengelernt."

    Was bedeutet das konkret für Ihre Karriere?

    Wer diese Formulierung erhält, signalisiert HR-Profis: Die genannten Eigenschaften waren nicht die zentralen Stärken. Wenn nur Selbstverständlich­keiten («pünktlich», «höflich») kennengelernt wurden, ist die fachliche Bewertung wahrscheinlich schwach. Das nennt man «Beredtes Schweigen» – was nicht erwähnt wird, fehlt.

    Verhandlungs-Tipp nach OR Art. 330a

    Achten Sie auf das Gesamtbild: Werden zentrale fachliche Stärken («Fachkompetenz», «Engagement», «Belastbarkeit») erwähnt – und zwar als objektive Eigenschaften, nicht über «kennengelernt»? Wenn nicht, fordern Sie eine Ergänzung dieser Aspekte.

    Wie das Korrekturschreiben konkret aufgebaut ist, steht im Ratgeber Korrektur verlangen, der rechtliche Rahmen dazu unter Art. 330a OR.

    Bessere Formulierung

    Im Zeugnis steht

    „wir haben ihn als ... kennengelernt"

    Verlangen Sie

    „Herr Beispiel ist ein pünktlicher und freundlicher Mitarbeitender"

    Häufige Fragen zu „wir haben ihn als ... kennengelernt"

    Wie Schweizer Arbeitgeber Leistung codieren

    Die Leistungsbeurteilung ist das Herzstück jedes qualifizierten Arbeitszeugnisses. Sie umfasst nach gängiger Schweizer Praxis vier Dimensionen: Fachwissen, Arbeitsweise (Sorgfalt, Tempo, Selbständigkeit), Arbeitsbereitschaft (Motivation, Eigeninitiative, Belastbarkeit) und Arbeitserfolg (messbare Resultate). Ein vollständiges Zeugnis würdigt alle vier Dimensionen. Fehlt eine davon vollständig, lesen erfahrene HR-Fachleute das als bewusste Auslassung – das sogenannte «beredte Schweigen».

    Die Note ergibt sich in der Praxis nicht aus einer Zahl, sondern aus der Kombination von drei Signalwörtern: einem Häufigkeitsadverb («stets», «immer», «jederzeit» versus gar keines), einem Steigerungswort («vollsten», «vollen», keines) und dem eigentlichen Werturteil («Zufriedenheit», «zufriedenstellend», «bemühte sich»). Jedes weggelassene Element senkt die Bewertung um rund eine Notenstufe. Genau deshalb wirken Zeugnisse für Aussenstehende so gleichförmig – die Unterschiede stecken in Nuancen.

    Wichtig für die Schweiz: Anders als in Deutschland ist die Zeugnissprache hier weniger streng normiert. Viele Schweizer KMU formulieren freier und ohne bewussten Code. Eine schwächere Formulierung ist deshalb nicht automatisch eine versteckte Abwertung – sie kann schlicht Unkenntnis der Konvention sein. Bevor Sie eine Korrektur verlangen, lohnt sich der Blick auf das Gesamtbild: Passen Aufgabenbeschrieb, Leistungsteil, Verhaltensteil und Schlussformel zueinander?

    • Fachwissen: «fundiert», «umfassend», «solide» oder «grundlegend» – in dieser absteigenden Reihenfolge.
    • Arbeitsweise: «äusserst sorgfältig und zielorientiert» steht deutlich über «sorgfältig».
    • Arbeitsbereitschaft: «hohe Eigeninitiative» versus «zeigte Interesse» ist ein Sprung über mehrere Notenstufen.
    • Arbeitserfolg: konkrete Zahlen, Projekte und Resultate wirken glaubwürdiger als jedes Superlativ.

    Note 2: ein Zeugnis, das aktiv schadet

    Auf Stufe 2 ist die Botschaft für jede erfahrene HR-Person eindeutig negativ, auch wenn kein einziges negatives Wort im Text steht. Ein solches Zeugnis führt in strukturierten Selektionsverfahren fast zwangsläufig zur Aussortierung – meist bereits im Dossier-Screening, bevor es zu einem Gespräch kommt.

    Rechtlich stehen Sie hier oft besser da, als Sie denken. Ein Arbeitszeugnis muss wahr, vollständig und wohlwollend sein. «Wohlwollend» bedeutet: Bei mehreren wahrheitsgemässen Formulierungsvarianten ist die für die arbeitnehmende Person günstigere zu wählen. Codierte Abwertungen, die sich nicht auf dokumentierte Leistungsmängel stützen, sind angreifbar.

    Bereiten Sie eine Korrekturforderung schriftlich und faktenbasiert vor. Wenn während der Anstellung nie eine schriftliche Verwarnung, kein negatives Mitarbeitergespräch und keine dokumentierte Zielverfehlung erfolgte, ist eine derart tiefe Bewertung im Streitfall schwer zu begründen. Diese Beweislage ist Ihr stärkstes Argument.

    So liest eine HR-Fachperson „wir haben ihn als ... kennengelernt"

    Im Dossier-Screening bleiben pro Bewerbung durchschnittlich nur wenige Minuten. Erfahrene Personalverantwortliche lesen ein Arbeitszeugnis deshalb nicht linear, sondern springen zu vier Stellen: Anstellungsdauer, Aufgabenbeschrieb, Leistungssatz und Schlussformel. Die Formulierung „wir haben ihn als ... kennengelernt" wird dabei sofort als Abweichung vom Standard registriert und löst genaueres Nachlesen aus.

    Entscheidend ist danach der Abgleich: Passt diese Formulierung zum Rest des Dokuments? Findet sich im übrigen Text kein Hinweis auf Probleme, kann es sich um eine unbedachte Formulierung eines wenig geübten KMU-Arbeitgebers handeln – das kommt in der Schweiz häufig vor. Häufen sich dagegen schwache Formulierungen, gilt das Muster als bestätigt.

    Für Sie heisst das: Bereiten Sie sich auf eine mögliche Nachfrage vor. Eine kurze, sachliche Erklärung ohne Kritik am früheren Arbeitgeber wirkt professionell. Vermeiden Sie Rechtfertigungen und lange Vorgeschichten – zwei bis drei Sätze plus ein Verweis auf konkrete Resultate genügen in aller Regel.

    Weiterlesen im Ratgeber

    Zeugnis prüfen: Checkliste

    Formalien, Aufgabenbeschrieb, Leistungs- und Verhaltensteil, Schlussformel: In zehn Minuten prüfen Sie Ihr ganzes Zeugnis systematisch durch.

    Häufige Fehler

    Emotional reagieren, zu lange warten, nur über Noten statt über Fakten diskutieren: Die fünf häufigsten Fehler kosten Verhandlungsspielraum.

    Korrektur verlangen

    Sachlich, schriftlich, mit fertigem Textvorschlag: So formulieren Sie die Korrekturbitte – inklusive Musterschreiben und Frist.

    Rechtliche Grundlage OR 330a

    Anspruch, Wahrheit vor Wohlwollen, Verjährung nach zehn Jahren: der rechtliche Rahmen nach Art. 330a OR im Detail.

    Krankheit & Karenz

    Darf eine längere Krankheit im Arbeitszeugnis stehen? Wir klären auf, welche Regeln in der Schweiz für Absenzen und Karenzzeiten gelten.

    Kündigung & Aufhebung

    Erfahren Sie, wie Kündigungen und Aufhebungsverträge im Arbeitszeugnis abgebildet werden und worauf Sie bei der Austrittsformel achten müssen.

    Zeugnis in der Probezeit

    Ein Arbeitszeugnis nach nur zwei Monaten? Wir erklären den Unterschied zwischen Arbeitsbestätigung und Vollzeugnis während der Probezeit.

    Lehre & Berufsbildung

    Der Lehrabschluss steht vor der Tür. Wir zeigen auf, welche Inhalte in ein professionelles Lehrzeugnis gehören und wie Lernende ihre Rechte wahrnehmen.

    Teilzeit & Pensum

    Teilzeitbeschäftigte haben dieselben Rechte auf ein qualifiziertes Zeugnis. Wir erklären, wie das Pensum korrekt deklariert wird.

    Konkurs des Arbeitgebers

    Firma insolvent? Wir erklären, wer das Zeugnis im Konkursfall unterschreibt und warum Schnelligkeit jetzt entscheidend ist.

    Zeugnis bei Freistellung

    Freigestellt und kein Zeugnis in der Hand? Wir klären, welche Daten im Zeugnis stehen müssen und ob die Freistellung erwähnt wird.

    Schweiz vs. Deutschland

    Warum dieselbe Formulierung hier eine 6 und dort eine 1 bedeutet.

    Ganzes Zeugnis in Klartext – ab CHF 5

    Wir analysieren Ihr Zeugnis komplett: Gesamtnote, jede Code-Formulierung, OR 330a-Check und Reformulierungen.

    Jetzt analysieren

    Verwandte Code-Formulierungen