Arbeitszeugnis-Codes entschlüsseln: Schritt-für-Schritt-Anleitung
Ein Schweizer Arbeitszeugnis liest sich immer positiv – das schreibt das Gesetz vor. Genau deshalb braucht es eine Methode, um die tatsächliche Bewertung herauszulesen. Diese Anleitung führt Sie in sechs Schritten durch Ihr Dokument. Sie brauchen dafür nichts weiter als das Zeugnis, zehn Minuten Zeit und einen Marker.
Schritt 1: Die Zufriedenheitsformel isolieren
Suchen Sie den Satz, in dem das Wort «Zufriedenheit» vorkommt. Er steht meist am Ende des Leistungsteils. Markieren Sie ihn – er ist Ihre Gesamtnote. Prüfen Sie zwei Elemente: das Häufigkeitswort («stets», «jederzeit», «immer») und das Steigerungswort («vollste», «volle», keines).
«stets zu unserer vollsten Zufriedenheit» = 6. «stets zu unserer vollen Zufriedenheit» = 5. «zu unserer vollen Zufriedenheit» = 4. «stets zu unserer Zufriedenheit» = 3. «zu unserer Zufriedenheit» = 2–3. «insgesamt zu unserer Zufriedenheit» = 2. «hat sich bemüht» = 1.
Schritt 2: Die Reihenfolge prüfen
In der Schweizer Zeugnissprache steht das Wichtigste zuerst. Wenn im Verhaltensteil die Reihenfolge «Vorgesetzten, Mitarbeitenden, Kunden» lautet, ist alles in Ordnung. Steht ein Personenkreis am Schluss oder fehlt er ganz, ist das ein Hinweis auf Spannungen in genau dieser Beziehung.
Dasselbe gilt für die Aufgabenliste: Die zuerst genannten Aufgaben gelten als Kernaufgaben. Wenn eine untergeordnete Tätigkeit an erster Stelle steht, wertet das Ihre Rolle ab – oft unbeabsichtigt, manchmal absichtlich.
Schritt 3: Auslassungen suchen
Auslassungen sind das stärkste Werkzeug der Zeugnissprache. Fehlt bei einer Führungskraft jede Aussage zur Führungsleistung? Fehlt bei einer Verkaufsperson die Aussage zum Verkaufserfolg? Fehlt die Ehrlichkeitsklausel bei einer Person mit Kassenverantwortung? Jede dieser Lücken ist eine Botschaft.
Machen Sie den Gegentest: Schreiben Sie in Stichworten auf, welche fünf Dinge in Ihrer Rolle zentral waren. Streichen Sie ab, was im Zeugnis bewertet wird. Was übrig bleibt, ist die Lücke – und die sollten Sie ansprechen.
Schritt 4: Adjektive zählen
Zählen Sie die bewertenden Adjektive pro Absatz. Ein Note-6-Zeugnis arbeitet mit «hervorragend», «ausgezeichnet», «äusserst», «stets». Ein Note-4-Zeugnis nutzt «gut», «sorgfältig», «zuverlässig». Ein Note-2-Zeugnis kommt fast ohne Adjektive aus und beschreibt nur Tätigkeiten.
Achtung bei sogenannten Weichmachern: «grundsätzlich», «im Allgemeinen», «weitgehend», «in der Regel». Jeder dieser Ausdrücke senkt die Aussage um mindestens eine halbe Note.
Schritt 5: Verdächtige Standardsätze prüfen
Einige Formulierungen sind in der Praxis fast immer negativ gemeint: «Er war stets bemüht» (Note 1), «Sie zeigte Verständnis für ihre Aufgaben» (verstanden, aber nicht umgesetzt), «Er trug durch seine Geselligkeit zur Verbesserung des Betriebsklimas bei» (Hinweis auf privates Verhalten statt Leistung), «Sie war mit Interesse bei der Sache» (Engagement ohne Resultat).
Umgekehrt gibt es Sätze, die stark positiv sind, aber unauffällig klingen: «Sie erledigte alle Aufgaben stets selbstständig, zuverlässig und in ausgezeichneter Qualität» oder «Er wurde von Vorgesetzten, Mitarbeitenden und Kunden gleichermassen geschätzt».
Schritt 6: Gesamtbild und nächste Schritte
Vergeben Sie nun je eine Note für Leistung, Arbeitsweise, Verhalten und Schlusssatz. Weichen diese stark voneinander ab, prüfen Sie, ob der Unterschied inhaltlich begründet ist. Ein Zeugnis mit Note 5 in der Leistung und Note 2 im Schlusssatz ist in sich widersprüchlich – und das ist ein legitimer Korrekturgrund.
Wenn Sie das nicht selbst machen möchten: ARKI liest das Dokument, ordnet jeden Baustein einer Note 1–6 zu und zeigt Ihnen konkrete Formulierungsvorschläge für die Nachbesserung.