Arbeitszeugnis Codierung: Die Geheimsprache entschlüsselt
Auf den ersten Blick klingt jedes Arbeitszeugnis positiv. Doch hinter den wohlklingenden Formulierungen verbirgt sich ein ausgeklügeltes Codierungssystem mit klaren Abstufungen. Wer diese Codes nicht kennt, kann ein mittelmässiges oder sogar schlechtes Zeugnis für ein gutes halten. In diesem Artikel zeigen wir Ihnen, wie die Codierung funktioniert und wie Sie jede Formulierung korrekt einordnen.
Das Notensystem hinter der Codierung
Die Schweizer Zeugnissprache arbeitet mit einem Notensystem von 1 bis 6, wobei 6 die Bestnote ist. Jede Bewertungsdimension hat festgelegte Formulierungen für jede Notenstufe. Der Unterschied zwischen den Stufen liegt oft nur in einem einzigen Wort – und genau dieses Wort macht den Unterschied zwischen «sehr gut» und «genügend».
Die Zufriedenheitsformel – das Herzstück der Codierung
Die bekannteste Codierung ist die Zufriedenheitsformel. Sie bewertet die Gesamtleistung und ist der Satz, den Personalverantwortliche als Erstes lesen. Die Abstufungen funktionieren so: «Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit» bedeutet Note 6, sehr gut. «Stets zu unserer vollen Zufriedenheit» ist Note 5, gut bis sehr gut. «Zu unserer vollen Zufriedenheit» ohne «stets» ist Note 4, gut. «Zu unserer Zufriedenheit» ohne «vollen» ist Note 3, befriedigend. «Im Grossen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit» ist Note 2, genügend. «Hat sich bemüht» ist Note 1, ungenügend.
Beachten Sie: Der Unterschied zwischen Note 5 und Note 4 ist ein einziges Wort – «stets». Und der Unterschied zwischen Note 4 und Note 3 ist ebenfalls ein Wort – «vollen». Wer diese Feinheiten nicht kennt, übersieht schnell eine Abstufung.
Codierung bei Fachwissen
Auch beim Fachwissen gibt es klare Abstufungen. «Ausserordentlich umfassend und fundiert, jederzeit überzeugend eingesetzt» ist die Bestnote. «Umfassend und fundiert, stets überzeugend» ist gut bis sehr gut. «Gutes Fachwissen, gekonnt eingesetzt» ist gut. «Solides Fachwissen» ist befriedigend. «Grundkenntnisse» ist genügend. Und «bemühte sich, das Fachwissen zu erweitern» ist ungenügend.
Codierung bei Teamfähigkeit und Verhalten
Die Verhaltensbeurteilung ist besonders heikel, denn hier stecken die meisten versteckten Codes. «Stets vorbildlich und von grosser Wertschätzung geprägt» ist die Bestnote. «Stets einwandfrei» ist gut bis sehr gut. «Einwandfrei» ohne «stets» ist gut. «Korrekt» ist befriedigend. Und wenn nur das Verhalten gegenüber Kollegen erwähnt wird, aber Vorgesetzte fehlen, ist das ein negatives Signal.
Besonders wichtig: Die Reihenfolge der Erwähnung ist codiert. Die korrekte Reihenfolge lautet immer Vorgesetzte, Kollegen, Kunden. Wird diese Reihenfolge geändert oder werden Vorgesetzte weggelassen, ist das ein verstecktes negatives Signal.
Versteckte Negativcodes
Neben den offensichtlichen Abstufungen gibt es Formulierungen, die auf den ersten Blick harmlos klingen, aber eine versteckte negative Bedeutung haben. «Er war stets pünktlich» bedeutet, dass keine nennenswerte Leistung erwähnenswert ist. «Sie zeigte Verständnis für die Arbeit» heisst, dass sie selbst nichts geleistet hat. «Er war gesellig und bei Kollegen beliebt» ist ein Hinweis auf ein Alkoholproblem. «Sie war tatkräftig und wusste sich durchzusetzen» deutet auf aggressives Verhalten hin.
Die Schlussformel – oft unterschätzt
Viele lesen die Schlussformel nur flüchtig, doch sie ist ebenfalls codiert. Eine vollständige Schlussformel enthält drei Elemente: Bedauern über den Weggang, Dank für die Leistung und Zukunftswünsche. Fehlt eines dieser Elemente, ist das eine bewusste Abstufung. Fehlt das Bedauern, war der Arbeitgeber froh über den Weggang. Fehlt der Dank, war die Leistung nicht dankenswert. Stehen nur Zukunftswünsche ohne Bedauern und Dank, entspricht das einer befriedigenden bis genügenden Note.